28.06.2013 Geschichtenerzählen in Hypnotherapie und Hypnose

Die Kunst des Geschichtenerzählens ist uralt und dennoch immer noch genauso aktuell wie einst, als die Menschen an Feuern saßen und den Alten lauschten. In der Hypnotherapie und Hypnose werden Geschichten genutzt, um Ideen zu vermitteln, ohne sie den Klienten überzustülpen, um Inspiration zu sein und Veränderungsmöglichkeiten aufzuzeigen. In einem meiner Seminare zum hypnotherapeutischen Geschichtenerzählen entstand folgende Geschichte:

Die Tigerin

Der Dschungel – blätterrankendes Ungetüm aus alter Zeit – millionen und abermillionen von Lebewesen aller Couleur – es kraucht und faucht und trillert und zischt und das
Leben ist mächtig.
Unser schöner blauer Planet so grün hier!
In einem dieser Wälder, dieser lebendigen Oasen, dieses wilden Wahnsinns fern der Stille, lebte einst eine junge Tigerin.
Sie verbrachte ihre Tage mit diesen beiden Dingen: jung zu sein und eine Tigerin zu sein.
Wie das aussah? Sie räkelte sich in der Sonne, legte ihre Tatzen übereinander, wenn ein junger Tiger in der Nähe war, leckte sich die Vorderpfoten, fing sich hin und wieder eine Mahlzeit ein und genoss es, die Kraft ihrer Muskeln unter ihrem weichen Fell zu spüren und sich einem ihrer liebsten Tagträume hinzugeben.
Dazu muss man wissen, dass Tiger einen guten Instinkt haben, wie sonst würden sie wissen, wann es Zeit ist auch aus dem süssesten Tagtraum innerhalb einer Viertelsekunde aufzuschrecken und wach und klar zu erkunden, was um sie herum geschieht?
Tiger sind Instinktwesen und sie wissen gewöhnlich, wann es sicher ist, sich in einen ihrer bunten Tagträume sinken zu lassen und sich alle Muskeln in der Sonne wärmen zu lassen.
Hast du schon mal einem Tiger beim Tagträumen zugesehen?
Warst du selbst schon mal ein tagträumender Tiger?
Nun, diese Tigerin von der ich sprach, sie hieß Kira.
Kira wusste instinktiv, dass der Tag kommen würde, an dem sie ihre Tigerkraft unter Beweis stellen musste und ihre Krallen durch die Luft sausen würden zischend wie
Dolche, begleitet von den grollenden geysirartigen Drohungen, die sie mit ihrer Stimme den Dolchen mitgab.
Sie wusste es, und wusste doch zugleich, dass der Tag noch nicht gekommen war.
Eines Tages begab sie sich auf eine längere Wanderung, um die Gegend zu erkunden, alte Bekannte zu besuchen und ganz einfach diesen wunderbaren Ort, an dem sie lebte, wieder einmal einen Besuch abzustatten.
Sie traf dabei auf einen alten Mann, der gerade vom Grasschneiden für seine Büffelherde kam. Daran erkannte sie, dass sie die Tiefen des Dschungels hinter sich
gelassen hatte und die Randgebiete, in den schon die Menschenbrüder wohnten, nicht weit waren.
Der Mann blickte freundlich und zufrieden, nicht so wie einige seiner Artgenossen, die ihre Stirn kraus zogen und ihre Herzen in der Brust verengten, als seien sie Gefangene irgendeiner unsichtbaren Macht.
Dieser hier, obwohl er sicher schon an die 90 Jahre alt war, strahlte eine besondere Wärme und – ja – Eleganz aus. Er bewegte sich, beinahe hätte sie gedacht, wie einer
von uns! Er bewegte sich wie eine Wildkatze, geschmeidig und kraftsparend. Zugleich wach, bewegt und in sich ruhend.
Kira folgte ihm ein wenig um seine Bewegungen zu studieren. Und sie stellte fest, dass er auch sie bemerkt hatte. Ein kleines, minimales Zucken war durch seine Wangen geflossen, wie ein Kolibri der mit seinen Flügeln schlägt hatte ihr sein Zucken angezeigt, dass er verstanden hatte, dass er begleitet wurde: von einer Tigerin.
Er ging seines Weges, noch aufmerksamer, noch eleganter, noch wacher als zuvor. Er hatte es nicht eilig und der große Korb mit dem frisch geschnittenen Gras thronte auf seinem Kopf wie eine Krone.
Fast war es, als hätten sich zwei Freunde zusammengefunden, die gemeinsam gingen.
Als schließlich die Menschensiedlung in der Ferne sichtbar wurde, war Kira schon längst in eine Art Geh-Trance gefallen. Sie war einfach Schritt für Schritt mitgetrabt, und innerlich gewusst, dass ihre Instinkte sie zur rechten Zeit aus ihrem Traum erwecken würden.
So war es auch diesmal, als die Siedlung auftauchte. Mit einem Mal, schneller als sie denken konnte, war sie hell wach: Menschen!
Jetzt musste sie schnell entscheiden!
Diesmal war es der Alte, der den Kolibri in ihr zu sehen bekam.
Er hielt an, stand still als bedauere er, dass sie nun umkehren wollte, und als wollte er ihr sagen: „Ich möchte dir etwas zeigen! Dort, in meinem Dorf, möchte ich dir etwas zeigen! Es dauert nur einen Moment, du wirst sehen und verstehen, doch ich möchte, dass du die Botschaft mit dir trägst in die Wälder hinein und sie weitergibst an alle, die dir lieb sind.“
Sie horchte in sich hinein... in den Gradmesser für Gefahr, den sie in sich trug, seit sie in ihrer Kindheit einem dieser Menschen mit einem Gewehr über den Weg gelaufen war,
dessen Kugel sein Ziel nur knapp verfehlte.
Der Gefahranzeiger war ruhig, die Mittagshitze stand über der Siedlung und Kira konnte überhaupt nur ein zwei Kinder sehen, alle anderen Bewohner schienen mit ihrer
täglichen Arbeit beschäftigt, auf den Felder oder in den Hütten.
So kam sie mit.
Der Mann führte sie in einem eleganten Bogen um die Hütten herum, der so groß war, dass sie selbst in der Deckung des Waldes bleiben konnte.
Auf der Seite der Siedlung befand sich ein sandiger, staubiger Platz.
Von dort kamen die Geräusche großer Tiere! Lebten ihre Artgenossen und die Menschen hier etwa friedlich zusammen? Fragte sich Kira.
Hatte sie einen Weg gefunden? Das wollte der Alte ihr zeigen?
Es mussten große Tiere sein, denn sie spürte die Vibrationen ihrer Schritte bis zu ihren Tatzen hinüber. Nicht so elegant, eher etwas grober gebaut, schätzte sie. Groß!
Als sie um die letzte Kurve bog, sah sie sie: Elefanten!
Und sie sah auch, und es kostete sie nur einen einzigen Augenblick, als dies zu begreifen, was sie vorher nicht gewusst hatte! Sie sah, dass sie Gefangene waren.
Dass sie ihre Wildheit aufgegeben hatten, und sich eine Traurigkeit in ihre Minen geschlichen hatte, wo sonst Stolz und Würde wohnten.
Ein Glück lebte sie als Familie zusammen, so konnten sie sich aneinander schubbern und sich ein wenig kraulen sich hin und wieder mit Wasser abspritzen, sich Geschichten erzählen aus der weiten Welt und es gab einige, die sich hin und wieder verliebt in die
Augen sahen...
Kira sah das alles in einem einzigen Augenblick, sagte ich schon, dass Tiger nicht nur einen enormen Instinkt sondern auch eine schnelle Auffassungsgabe besitzen?
Und sie sah noch mehr:
Da gab es Elefantenkinder und sie waren mit Eisenketten gefesselt.
Eines war dabei, das noch ganz frisch gefesselt schien, und das mit all seiner Babyelefantenkraft versuchte gegen diese Gewalt anzugehen. Es kämpfte mit allem,
was es aufzubieten hatte, doch vergebens, die Eisenketten waren zu fest in den Boden gerammt.
Auch die großen Elefanten trugen diese Ketten. Im Vergleich zu ihrer immensen Größe wirkten sie bei ihnen eher zart, wie ein Schmuckstück! Doch sie die großen, hatten sich schon an die Gefangenschaft gewöhnt.
Nicht nur das, sie gaben auch dem kleinen Kämpfer gut gemeinte Tipps:
„Du wirst dich schon noch dran gewöhnen, man kann nichts dagegen machen, die Ketten sind stärken als wir.“
„Besser du findest dich schneller damit ab. Je eher desto besser.“
„Warte nur, eines Tages wirst du das Klirren der Ketten als sehr beruhigend empfinden und es wird dir auch nachts noch erzählen, dass deine Familie nicht weit ist."
Kira verstand und sie verstand schneller als ich dies hier alles erzählen konnte. Es war die Warnung des alten Mannes, sein Geschenk an sie und ihre Tiergenossen im
Wald: Wer sich schon als Kind an die Gefangenschaft gewöhnt, kommt später gar nicht mehr auf die Idee auszubrechen, obwohl er es könnte.
Wer seinen Kampfgeist aufgibt, wird früher oder später auch unsichtbare Fesseln tragen.
Wer seinen wilden Instinkt vergisst, der kann höchstens noch in falscher Sicherheit ein wenig traurig, ein wenig zufrieden sein Leben verbringen.
Wenn du klein bist, hast du vielleicht nicht die Möglichkeit die Fesseln abzustreifen, zu mächtig sind die Umstände! Nun, versuche es wieder, wenn der Tag gekommen ist und
immer immer wieder, wenn sie dir in die Haut schneiden, diese Fesseln, die sie dir umgelegt haben.
Es wird der Tag kommen, an dem dein wilder Ruf durch die Nacht gellt und deine Fesseln fallen.
Und dann heißt es allen Mut zusammenzunehmen und die duftende Nachtluft in der Nase und deine Genossen zu finden, die tief in den Gründen der Wälder leben.
Auch dann ist es noch nicht vorbei, denn wer einmal gefangen war, der trägt die Spuren in sich. Der muss seine Narben pflegen und der muss sich seinen Albträumen stellen, damit nach und nach, Schicht um Schicht, die Heilkräfte der Freiheit ihre Wirkung entfalten können.
Der Geist entscheidet sich für die Freiheit, der Körper folgt und die Gefühle werden heilen.
Diese Nachricht erhielt Kira, zur rechten Zeit! Sie hatte noch keine dieser Ketten gespürt, aber sie wusste, wie verheißungsvoll für manche ihrer Tiergenossen das Leben
in den Siedlungen war.
Der Mann stand am Rande des Sandplatzes und als sie sich gerade umwendete, um zurückzulaufen, sah sie eine einzelne Tränen auf seiner Wange glitzern.
Er machte sich auf, die Aufgaben des Tages zu erfüllen und Kira machte sich auf, die Botschaft des Alten in die Wälder zu tragen.


Mehr Infos zu meinen Seminaren gibt es hier.

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